Die Organisation in
ihren verschiedenen Bestandteilen ganzheitlich zu betrachten und auch
den Blick hinter die Kulissen zu wagen-,ist eine wesentliche Aufgabe
von Führungskräften. Bei einer systemischen Betrachtung von Führung
bringen sie Ihre innere und äußere Haltung als
Führungspersönlichkeit ein. Es ist wichtig, dass sie in den
verschieden Situationen die relevanten Informationen und
unterschiedlichsten Erwartungen schnell erkennen und
Handlungsalternativen für sich und Ihr Team entwickeln.
Herr Siemon, sprach mit der Haufe Akademie über die für ihn wesentlichen
Punkte des systemischen Ansatzes für Führungsaufgaben:
Woher kommt das
Konzept der systemischen Führung?
Es gibt nicht den „einen“
theoretischen Hintergrund. Vielmehr speist sich der Ansatz aus ganz
unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen; wie der Kybernetik,
der Chaostheorie, Philosophie, Kommunikationstheorie Biologie... Sie
haben alle eins gemeinsam: Statt isolierter Objekte werden die
Beziehungen dazwischen betrachtet.
Anstatt linearer
Kausalketten (wenn A dann auch B) werden zirkuläre
Erklärungsmodelle bevorzugt (wenn A dann B und auch C und A1). Der
systemische Ansatz bietet so eine neue Blickrichtung, in dem Systeme
zur Beschreibung und Erklärung komplexer Phänomene herangezogen
werden.
Ganz entscheidend für
die wissenschaftliche Entwicklung war die soziologische Systemtheorie
mit ihrem Hauptvertreter Niklas Luhmann. Mit Blick auf Organisation, sind neben vielen anderen besonders Peter Senge, C.O. Scharmer, E. Schein zu nennen.Die systemische
Familientherapie als eine praktische Disziplin-, hat in den letzten
Jahrzehnten ganz entscheidend die Denkweise und Methoden bereichert
und verfeinert.
Wie kamen Sie zum
systemischen Führen?
Sehr früh habe ich eine
Ausbildung zum systemische Paar- und Familientherapeut absolviert.
Die Erkenntnisse daraus konnte ich später selbst als Führungskraft
gut gebrauchen. Dabei geht es gar nicht so sehr um eine bestimmte
Methodenkompetenz, sondern vielmehr um eine Sichtweise sich selbst zu
den Geschehnissen um sich herum immer wieder in Bezug setzten. Dabei
stehen folgende Fragen im Vordergrund:
Was treibt die Menschen an? Welche Dynamiken entstehen und welche nicht? Wie werden wir den unterschiedlichen Erwartungen, auch unseren eigenen, gerecht und bleiben mit uns selbst und der Umwelt gut in Kontakt.
Und wie übertragen Sie diese Fragestellungen auf die Führung?
Eine der wesentlichen
Fragestellungen bei Führung ist: Um was geht es wirklich?
Oft steuern verdeckte
Agenden, vage und hintergründige Regeln das Unternehmen und die
Teams. Unterschiedliche Spieler mit unterschiedlichen Vorstellungen
ergeben ein Komplex, das man nicht auf den ersten Blick erschließen
kann. Man braucht ein gutes Gespür, um dieses Spiel hinter dem Spiel
zu erkennen.
Dieses Gespür ist in den
meisten Fällen vorhanden, aber viele Menschen sind sehr unsicher,
diesem Gefühl zu vertrauen. Schließlich werden Entscheidungen in
den Kontexten, in denen sich Führungskräfte bewegen aufgrund
scheinbarer harter Faktenlage getroffen-, und nicht auf Basis eines
Gefühls.
Mit dem systemischen
Ansatz erschließen wir-,mit erprobten diagnostischen Mitteln-, den
Hintergrund und die Komplexität des Sachverhaltes. Und: Wir nutzen auch uns selbst mit unseren eigenen Gefühlslagen als ein diagnostisches Instrument, um unter dem Gesichtspunkt eines Sinns für uns stimmige Antworten zu finden.
Wie geht es weiter, wenn die Gefühlslage identifiziert ist?
Dann muss ich mich der Frage stellen: Was ist zu tun? Was erfordert die Situation vom mir? Was müssen wir tun, um das Ziel zu ereichen? Sehr günstig ist es, wenn ich die Konsequenzen aus den unterschiedlichen Handlungsoptionen mitdenke und mich frage: Was kann ich besten Fall erwarten? Und wenn der nicht eintritt, was folgt dann? Dies abzuwägen und die möglichen Optionen auszuloten ist eine der Aufgaben einer Führungskraft.
Und was ist das Systemische daran?
Das Systemische dabei ist, dass ich alles in Beziehung zueinander und zu mir selbst setze. Als Führungskraft muss ich mich immer fragen, was die Situation mit mir zu tun hat. Was
fällt mir leicht zu erkennen und was verstellt
mir den Blick? Wo ist mein eigener Standpunkt? Welche Auswirkungen
und Wechselwirkungen gibt es und was kann ich verändern, um dem Ziel
näher zu kommen?
Dabei werden Information
plausibel, transparent und nachvollziehbar und darüber hinaus auch
besser kommunizierbar, denn wenn ich etwas verstehe kann, ich es evt.
auch besser erklären. Eine Grundvoraussetzung dafür ist die
Fähigkeit in Systemen zu denken.
In welchen Systemen
bewegt sich denn einen Führungskraft?
An dieser Stelle möchte
ich gerne Humberto Maturana zitieren. Er hat maßgebliche Beiträge
zur systemischen Sichtweise in der Biologie geleistet:
Ein System ist nicht
ein Etwas ,das sich dem Beobachter präsentiert. Es ist ein Etwas, das
von ihm erkannt wird.
Das bedeutet: Wir selbst
definieren die Systeme und ebenso deren Grenzen.
Beispielsweise können
wir innerhalb eines Konzerns verschiedene Systeme definieren und
betrachten: Der einzelne Mitarbeiter, die Führungskraft mit ihrem
Team, alle Teams der
gesamten Abteilung, alle Abteilungen des gesamten Standorts oder auch alle Standorte des international verbreiteten Konzerns.
Und wie lässt sich dann ein System am sinnvollsten definieren? Wo setze ich die Grenzen?
Die Frage der Grenzen definiert sich nach dem Nutzen. Auf den Business-Kontext übertragen: Man kann beispielsweise sinkende Margen damit erklären, dass der Weltmarkt momentan stark leidet. Dann ist das System sehr stark ausgeweitet. Andererseits kann man das System enger auf das Unternehmen und seinen Kundenkreis begrenzen: Möglicherweise verkauft sich das Produkt schlechter, weil die Werbestrategie nicht mehr zu den Kunden passt.
Geben Sie ein Beispiel aus dem Führungsalltag
Ein Mitarbeiter sorgt wieder einmal für Probleme. Die Führungskraft hat nun verschiedene Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren: Sie stempelt den Mitarbeiter als schwierig
ab und beschäftigt sich nicht weiter
damit.
Die systemische
Betrachtung setzt die Grenzen anders: Die Führungskraft könnte sich
fragen, warum dieser Mitarbeiter schwierig ist. Vielleicht ist das
eigene Verhältnis zum Mitarbeiter nicht unbelastet oder die
familiäre Situation des Mitarbeiters hat sich verändert. Vielleicht
haben sich aber auch das Arbeitsumfeld oder die Aufgaben des
Mitarbeiters verschoben oder der Betrieb befindet sich in einem
Veränderungsprozess. Möglicherweise sind dadurch die
Verhaltensweisen des Mitarbeiters erst „schwierig“ geworden und
waren unter den vergangenen Umständen absolut akzeptabel.
Es sinnvoll und wichtig,
genau und konkret hinzuschauen. Denn viele Lösungen werden
übersehen, wenn man von vorneherein die Grenzen zu eng setzt.
Als Führungskraft muss
ich mich auch immer selbst mitdenken. Das heißt, ich muss mich immer
wieder selbst in Bezug zu übrigen System setzen. Dadurch bin ich
immer ein Beteiligter. Ich wirke und handle auf jeden Fall. Selbst
dann, wenn ich nicht handle, wirke ich. Viele verstecken sich hinter
der Idee, nicht beteiligt zu sein, wenn sie nichts gesagt oder getan
haben. Aber auch ein Nichthandeln ist ein Handeln. Als Bestandteil
eines relevanten
Systems kann man nicht so tun, also ob man nicht da
wäre.
Als Führungskraft sollte
man sich stets vergegenwärtigen, wo man steht. Ist man Teil des
Systems oder steht man draußen? Befindet man sich eher in der Mitte
oder am Rand des Systems?
Denn je nach Position im
System unterscheiden sich die verfügbaren Informationen,
Wahrnehmungen und Interessen.
Wie gehe ich mit Widersprüchen und Konflikten in Organisationen um?
Widersprüche,
Widerstände und Konflikte sind der Ausdruck einer bestimmten
Lebendigkeit, die nach einer Lösung drängen, aber nicht nach einer
Auflösung. Um diese Lösung zu erreichen geht es beständig darum,
Widerstände und Widersprüche auszutarieren und abzuwägen und sich
selbst immer wieder neu dazu zu justieren.
Gewährt man
beispielsweise als Führungskraft eine große Nähe, verliert man
Führung - sucht man eine größere Distanz wird auch der persönliche
Bezug zum Team weniger. Diese Widersprüche oder Dilemmata gilt es zu
managen – und vielleicht auch einmal ein
unangenehmes Niveau zugunsten eines Zieles aufrecht zu halten und auszuhalten.
In der Systemtheorie
wird auch immer wieder das Konzept der selbstreferenziellen Systeme,
die Autopoiesis erwähnt. Wie kann uns das beim Führen unterstützen?
Autopoiesis ist der
Prozess der Selbsterschaffung und Selbsterhaltung eines Systems. Wir gehen davon aus, dass
alle wichtigen und relevanten Informationen und Kompetenzen, in einer
bestimmtem Form, im System bereits vorhanden sind. Und dann geht es –
auch in der Führung -, darum, diese Ressourcen zu aktiveren und
gegebenenfalls frei zu legen.
So betrachtet die
systemische Herangehensweise Menschen und Systeme nicht als
defizitär, sondern lediglich als blockiert. Wir richten dadurch
den Blick sehr schnell auf die Lösung und weniger auf das Problem.
Eine Frage, die ich mir
als Führungskraft dann stellen sollte, lautet nicht „Was läuft
da falsch?“, sondern „Was brauche ich noch zur Lösung?“
Dadurch verändert sich der Fokus der Kommunikation entscheidend:
Gespräche kreisen eher um Lösungen und um Ziele, als um Probleme.
Nehmen wir mal folgendes Beispiel: Eine Führungskraft hat beständig Durchsetzungsprobleme in seinem Team. Ein Lösungsansatz kann sein, dass wir uns nun fragen, was das Team noch braucht. Wie schafft es die Führungskraft, nicht in Führung zu gehen? Was würde geschehen, wenn sie führen würde?
Und was hat das mit Selbsterhaltung zu tun?
In der systemischen Sichtweise gehen wir davon aus, dass das System (also in diesem Fall die Führungskraft und ihr Team) prinzipiell die Kompetenz besitzt, zu führen und geführt zu werden. Aber es scheint da etwas verdreht zu sein - das Team oder Teile des Teams führen die Führungskraft. Das stiftet Verwirrung und Unordnung. Hier gilt es eher etwas zu ordnen und möglicherweise nicht unbedingt zu schulen, denn die Ressourcen sind vorhanden. Und gelegentlich lohnt sich auch der Blick in die nächste Hierarchieebene. Denn die hat meist auch ein eigenes Interesse am Gelingen oder Misslingen von Führungskonstellationen.
Welchen Vorteil bietet mir der systemische Ansatz bei der Führung?
Der größte Vorteil ist
ein veränderter Blick auf die Arbeitswelt. Mit einem systemischen
Blick durchschaue ich schneller das Spiel hinter dem Spiel und kann
die Frage, um was es wirklich geht, schneller beantworten. Der
systemische Ansatz bietet eine Möglichkeit, schnell Wesentliches von
Unwesentlichem, Vordergründiges von Hintergründigem zu
unterscheiden. Und damit ist man als Führungskraft schneller
handlungsfähig und oft etwas punktgenauer mit seinen Entscheidungen.
Darüber hinaus bietet
der systemische Ansatz ein gutes Diagnosesystem und liefert auch eine
Haltung und Einstellung zur Welt. die zum verantwortlichen und
reflektierten Handeln anleitet.
Gibt es Voraussetzungen, die ich mitbringen sollte, um als Führungskraft systemisch zu denken?
Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich selbst kritisch und selbstkritisch
immer wieder in unterschiedlichen Beziehungen zu
reflektieren. Gegebenenfalls sollte ich auch bereit sein den eigenen
Standpunkt zu verändern. Will man systemische Elemente integrieren,
sollte man neugierig sein auf unterschiedliche Sichtweisen und die
Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennen lernen wollen.
Das systemische Führen
ist kein Tool, das man sich in wenigenTagen aneignet. Dazu braucht man
Geduld. Nimmt man die Theorie der Autopoiesis ernst, gilt es die Politik der kleinen Schritte zu unternehmen,seine eigenen Ressourcen
und Potenziale schrittweise frei zu legen.
Zusammengefasst gibt es für mich 6 wichtige Basisaspekte die es beim systemischen Führen zu beachten gibt:
1. Systeme denken
Was und wer gehört zum System? Wo verläuft die Grenze und warum? Welche Verbindungen und Wechselwirkungen gibt es? Wo stehe ich als Führungskraft?
2. Ganzheitliches Denken
Wo spiegelt sich das Kleine im Großen wieder und das Große im Kleinen? Welche
Schlussfolgerung ergeben sich aus dem Gesamten für Teilprozesse? Wo
zeigen sich Analogien? Wo spiegelt sich das Thema noch wieder?
3. Muster erkennen
Man benötigt Wissen um Ordnungsprinzipien in Organisationen, Wissen um Dynamiken von Gruppen und Menschen. Zwingende Normen und Regeln in Organisationen sind zur Reduktion von Komplexität hilfreich, manchmal aber auch außerordentlich hinderlich.
4. In Prozessen denken
Es gibt keinen Stillstand. Beim Führen gibt es kein Optimum, sondern nur das Managen und das Ausbalancieren von unterschiedlichen Interessen. Widersprüche und Konflikte sind daher der Ausdruck von Lebendigkeit und Veränderungsbereitschaft.
5. Auf Selbstorganisation vertrauen
Es gilt freizusetzen, was zur Lösung noch notwendig ist. Das kann beispielsweise das Lösen von Blockierungen sein oder das Freisetzen bereits vorhandener Ressourcen. Es bedeutet auch, den Blick nach vorne zu richten, das Ziel zu fokussieren und nicht bei Problemen zu verhaften.
6. Zirkulär denken und handeln
Es gibt keine neutrale
Beobachtung- ich bin immer Beteiligter – ich wirke ob ich will oder
nicht. Jede Kommunikation ist immer eine Intervention und auch eine
Information.






















